Seit Monaten beherrscht Sexueller Missbrauch die Schlagzeilen. Ob in kirchlichen Schulen, klösterlichen Internaten, staatlichen oder privaten Einrichtungen - niemand hätte gedacht, dass eine derartige Lawine verschwiegener, verdrängter oder vertuschter Fälle an die Öffentlichkeit gelangt.
Grund genug für Wildwasser Würzburg e. V., zu einem Gesprächsforum einzuladen, bei dem vor allem eines im Vordergrund stand: die Perspektive der Opfer. Der für den Abend angemietete Raum platzte aus allen Nähten. Mehr als 150 Personen fanden sich ein, pädagogische oder therapeutische Fachkräfte, LeiterInnen von Institutionen, Mitglieder von Ordensgemeinschaften, kirchliche MitarbeiterInnen, Eltern, Lehrkräfte, Betroffene und Interessierte.
Fachleute und Publikum diskutieren
Auf dem Podium saßen sechs Fachleute, die die Thematik sachlich und kompetent aus ihrem Blickwinkel erläuterten. Einig waren sie sich vorab darin, dass Menschen, die Missbrauch erlitten haben, nicht auf „Opfer“ und missbrauchende Männer oder Frauen nicht auf „TäterInnen“ reduziert werden sollten. Der Kürze halber behielten sie diese Begriffe dennoch bei. Manuela Göbel, Redakteurin der Main Post, kam erst durch ihre journalistischen Recherchen in den letzten Monaten mit dem Thema in Berührung. Seitdem sprach sie mit rund 20 Opfern, die sich an die Lokalzeitung wandten. Sie suchten Gehör und wollten Gerechtigkeit finden.
Rigide und zu durchlässige Strukturen schädlich
Anliegen von Wildwasser Würzburg sei es gewesen, „sexuellen Missbrauch in Institutionen“ bewusst weit zu fassen, da Missbrauch nicht nur in Kirchen und Schulen, sondern auch in Internaten, Heimen oder Sportvereinen geschehe. Die Psychologin und Psychotherapeutin Elisabeth Kirchner erläuterte, dass „rigide Strukturen, in denen die Opfer wenig über ihre Rechte, ihren Körper oder ihre Sexualität erfahren“, Missbrauch ebenso begünstigten wie total „durchlässige Strukturen“, in denen die Verantwortlichkeiten unklar seien und „die Grenzen zwischen Erwachsenen und Kindern fließen“.
Immer mehr Opfer melden sich
Klaus Laubenthal ist in Würzburg Professor für Kriminologie und Strafrecht. Seit März ist der Jurist Missbrauchsbeauftragter des Bistums Würzburg. In diesen sechs Wochen seien ihm mehr als 50 Straftaten mitgeteilt worden, mehr als in insgesamt acht Jahren zuvor. Laut Laubenthal meldeten sich zweimal so viele Männer wie Frauen. Zwei Drittel der Anzeigen seien sexualbezogen, ein Drittel bezögen sich auf körperliche Misshandlung. Obwohl die Grenzen fließend seien, müsse man zwischen körperlicher Gewalt und sexuellem Missbrauch unterscheiden. Die meisten der gemeldeten Übergriffe hatten in den 1960er Jahren stattgefunden, einige in den 1940er Jahren. Bislang sei ihm kein Fall nach dem Jahr 2000 gemeldet worden.
Breite Unterstützung suchen
Elisabeth Kirchner erklärt dies damit, dass die Zahl der Heime und Internate gesunken ist, dennoch seien auch heute Kinder und Jugendliche betroffen, fänden aber möglicherweise nicht den Weg sich Hilfe zu holen. Um Missbrauchsfälle aufzudecken, brauche es eine breite Unterstützung. Die Psychotherapeutin riet sich im Verdachtsfall an eine Beratungsstelle zu wenden: „Alleine schafft man es nicht!“
Institutionen halten zusammen
Barbara Rost-Haigis berät seit 1979 Betroffene, Institutionen und TraumatherapeutInnen. Die Würzburger Rechtsanwältin gab zu bedenken, dass viele Erwachsene Traumatisierungen spät aufarbeiten und es Kindern an Vertrauenspersonen fehle. Sie warnte vor dem „Korpsgeist“, der vielfach in Institutionen herrsche. Mit Aussagen wie „Du nimmst uns den beliebtesten Lehrer“ oder „Der kann’s nicht gewesen sein“, würden Opfer diffamiert.
Opfer schweigen aus Scham und Angst
Erich Bodenbender arbeitet mit Männern, die in früher Kindheit Gewalt erlebt haben, seit 1986 auch mit missbrauchenden Männern und Frauen. Der Diplom Psychologe und Psychotherapeut ergänzte, dass viele Opfer aus Scham und Schulgefühlen schweigen; die Angst, sich zu outen und die Angst vor den Folgen seien enorm: „Denn nur zwei wissen, was wirklich passiert ist. Da steht Aussage gegen Aussage.“
Reden kostet Kraft und Mut
Auch Schwester Irmlind Rehberger hat jahrzehntelang Mädchen und Frauen bei der Aufarbeitung ihrer Missbrauchserfahrungen begleitet. Die Oberzeller Franziskanerin schilderte die Folgen des Missbrauchs: Die Menschen seien psychisch angeschlagen, viele könnten ihren Alltag nicht bewältigen, seien suizidgefährdet. Das Reden über „das Unsagbare, das Unsägliche“ erfordere „Kraft und Mut“. Oft brauche es einen Anlass wie die aktuelle Berichterstattung in den Medien, damit Betroffene wagen sich mitzuteilen.
Als Ministerialbeauftragter ist Johann Seitz zuständig für die Realschulen und Internate in Unterfranken. Nach seiner Aussage werde jeder Fall untersucht. Die Schulen seien verpflichtet in jedem Verdachtsfall, die Staatsanwaltschaft einzuschalten.
Straftaten sollte nicht verjähren
„Manche Betroffene wollen nicht, dass die Staatsanwaltschaft eingeschaltet wird“, verdeutlichte Wildwasser-Therapeutin Elisabeth Kirchner die Sicht der Opfer. Auch Kriminologe Klaus Laubenthal sprach sich deutlich gegen eine Verpflichtung aus, alle bekannt werdenden Fälle an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. Dies wäre aus seiner Sicht kontraproduktiv und würde viele abschrecken, sich überhaupt zu melden. Gegen den Willen der Betroffenen zu handeln sei nur dann gerechtfertigt, wenn Gefahr im Verzuge sei und es gelte, die Öffentlichkeit zu schützen. Laubenthal sprach sich dafür aus, sämtliche Fristen der Verjährung bei sexuellem Missbrauch abzuschaffen. Dies werde derzeit geprüft.

Strafverfahren nicht immer hilfreich
„Nichts ist schlimmer für die Opfer als ein Freispruch der Täter“, unterstrich Barbara Rost-Haigis. Nicht wenige Fälle würden aufgrund mangelnder Beweise eingestellt. Strafverfahren seinen kein Allheilmittel, so die Anwältin. Viele Fälle würden sich für ein Strafverfahren gar nicht eignen. Die Ermittlungen seien unangenehm. Manche Traumatisierte würden das Verfahren gar nicht durchhalten. Rost-Haigis kennt einen Fall, bei dem sich der Bischof bei dem Opfer entschuldigte, obwohl der missbrauchende Priester keine Schuldeinsicht zeigte. Das könne im Einzelfall wichtiger sein als ein Richterspruch.
Opfer wünschen Empathie
Erich Bodenbender fände es gut, wenn die Verjährungsfristen aufgehoben würden. Dann müssten TäterInnen Zeit ihres Lebens fürchten, dass ihre Tat verfolgt wird. Zu bedenken gab der Psychotherapeut, dass es nach der langen Zeit schwer sei, gerichtlich verwertbare Aussagen zu bekommen. Von Institutionen, in denen Missbrauch verübt wurde, wünschten sich Opfer keine Lippenbekenntnisse, sondern dass die Verantwortlichen den Schaden sehen, der angerichtet worden ist.
Missbrauch als gesellschaftliches Problem
Wortmeldungen aus dem Publikum problematisierten Missbrauch als gesellschaftliches Problem, das insgesamt vertuscht worden sei. Das müsse jetzt aufhören. In ihrem Schlussplädoyer trat Elisabeth Kirchner für ein größeres Problembewusstsein in Institutionen ein: „Je höher die Zahl der MitarbeiterInnen, umso höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sexueller Missbrauch vorkommt.“ Deshalb sei es wichtig Richtlinien auszuarbeiten, damit alle wüssten, wie sie im Verdachtsfall vorzugehen sei. MitarbeiterInnen müssten geschult werden. „Das, was wir brauchen, wird auch Geld kosten. Mit einem runden Tisch ist es nicht getan!“ Auch Johann Seitz forderte eine bessere Ausbildung der LehrerInnen.
Auf pädagogische Eignung achten
„Wir müssen die Strukturen aufbrechen, die sich in den jeweiligen Einrichtungen und in den Kirchen gebildet haben“, mahnte Erich Bodenbender. Institutionen, die sich hermetisch abgeriegelt hätten, seien anfällig für Machtmissbrauch und sexuellen Missbrauch. Klöster und Internate müssten offener werden, so der Psychotherapeut weiter. Die pädagogische Betreuung müsse transparenter sein. Schließlich sei zu fragen: „Welche Menschen sollen wir zu pädagogischen Tätigkeiten zulassen?“ Das gelte für Priester genauso wie für Trainer im Sportverein, Psychologen, Ärzte und Lehrer.
Artikel aus der LUPE, Sr. Katharina Ganz