Die besondere Situation von Mädchen und Frauen mit Lernschwierigkeiten

Das Netzwerk People First Deutschland e.V., Verein für Menschen mit Lernschwierigkeiten, fordert in seinem Faltblatt zum Thema sexuelle Gewalt:

 

„Diese zwei Sachen sind uns am wichtigsten:

  1. man soll bei diesen Themen so mit uns umgehen, wie man es für sich selber auch wünscht. 
  2. Man darf keinen Unterschied machen, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht. Sexuelle Gewalt betrifft ALLE.“

 

Sexueller Missbrauch ist eine häufige Form der Gewaltanwendung, insbesondere gegen Mädchen und Frauen mit Behinderung. Obwohl es nur wenige Studien und Untersuchungen zu diesem Thema gibt, verweisen sie auf ein Phänomen ungeheuren Ausmaßes. So kommt eine Untersuchung in den USA zu dem Ergebnis, dass 39 % aller Mädchen mit geistigen Behinderungen, bevor sie 18 Jahre alt sind, Opfer sexueller Gewalt werden. Ähnliche Zahlen werden auch für die BRD vermutet. Mädchen und Frauen mit geistiger Behinderung sind nach Schätzungen vierfach höher gefährdet, Opfer sexueller Gewalt zu werden.

 

Über Männer mit geistiger Behinderung, die Opfer sexueller Gewalt werden, gibt es nach unserer Kenntnis keine Studien, Man muss aber davon ausgehen, dass auch sie in noch höherem Maße Opfer sexueller Gewalt werden als Jungen und Männer ohne Behinderung.

Warum müssen so viele Mädchen und Frauen mit Behinderung sexualisierte Gewalt erleben?

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen erleben Mädchen und Frauen aufgrund ihrer Behinderung in erhöhtem Maße Berührungen bei ärztlichen Untersuchungen und hygienischen Hilfestellungen. Diese werden als selbstverständliche Zugriffe auf ihren Körper erlebt. Intimität und körperliche Selbstbestimmung können für sie nur schwer erfahren werden.

 

Weiterhin haben Mädchen und Frauen mit geistiger Behinderung in weitaus geringerem Maße Zugang zu Informationen über die Themen Sexualität und sexueller Selbstbestimmung. Aufgrund ihres Handicaps sind Mädchen und Frauen mit Behinderungen besonders wehrlos. Daher werden sie als `leichte´ Opfer betrachtet, die schnell einzuschüchtern sind.

 

Hinzu kommt, dass ihnen oft die Ausdrucksmittel fehlen, um die Übergriffe zu benennen.

 

Die Täter kommen in der Regel aus dem nahen sozialen Umfeld der Mädchen und Frauen, der Familie oder den Einrichtungen. Da Menschen mit Behinderung oft ein Leben lang auf Assistenz und Hilfe angewiesen sind, entsteht hierdurch eine besondere Abhängigkeitssituation. Die Isolation von Mädchen und Frauen, die in Einrichtungen leben, macht es diesen fast unmöglich, sich Unterstützung zu holen, wenn die Täter aus der Institution kommen.

 

Für Mädchen und Frauen mit geistiger Behinderung ist die Hürde besonders hoch, Erwachsene um Hilfe zu bitten und den Missbrauch aufzudecken. Ohne Hilfe ist es für sie fast unmöglich, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Oft müssen sie die sexuelle Gewalt weiterhin erdulden und/oder erhalten keine Möglichkeit, über das Erlittene zu sprechen.

Bieten Sie sich als GesprächspartnerIn dazu an und nehmen Sie die Gefühle der Mädchen und Frauen ernst.

Mädchen und Frauen mit Lernschwierigkeiten und geistiger Behinderung sind mit vielen Tabus zum Thema Sexualität groß geworden. Bieten Sie sich als Gesprächspartnerin an für Fragen, die zum Thema Sexualität bestehen. Zugleich ist es in diesem Bereich besonders wichtig, vorhandene Grenzen wahrzunehmen und zu akzeptieren.

 

Sprechen Sie das Thema sexualisierte Gewalt an. Benennen Sie, was sexualisierte Gewalt ist und wie Frauen sich davor schützen können. Überlegen Sie gemeinsam, bei wem das Mädchen oder die Frau Hilfe holen könnte.

Mädchen und Frauen stärken

Menschen mit Behinderungen, deren Intimsphäre, körperliche Unversehrtheit und persönliche Grenzen respektiert werden, sind eher in der Lage, ihre Rechte einzufordern.

 

Achten Sie auf die Rechte zur Selbstbestimmung der Mädchen und Frauen und bestärken Sie sie in angemessenen Situationen darin, dass sie das Recht haben, Nein zu sagen.

 

Mädchen und Frauen, die erfahren haben, dass ihr Wille beachtet wird, können unterscheiden, welche Berührungen gut und welche unangenehm oder sexuell übergriffig sind. Achten Sie darauf, Mädchen und Frauen in der Wahrnehmung ihrer Wünsche zu stärken, indem Sie sie dazu ermutigen, ihren Willen oder ihre Wünsche zu äußern.

 

Für Mädchen und Frauen, die bereits sexuell missbraucht wurden, ist es besonders schwer, ihre Gefühle wahrzunehmen und zu benennen. Sie sind unsicher, wann ihre Grenzen überschritten und ihre Abhängigkeit ausgenutzt wird. Sie brauchen besonders viel Unterstützung darin, ihre Gefühle wahrzunehmen.

Was kann ich tun, wenn ich von sexualisierter Gewalt erfahre?

Es kann sein, dass ein Mädchen oder eine Frau mutig wird und Ihnen anvertraut, bereits sexualisierte Gewalt erlebt zu haben oder aktuell zu erleben.

 

Dabei ist wichtig:

Für jedes Mädchen und jede Frau ist es verschieden, was sie mag und was nicht, wie sie ihre Sexualität leben möchte.

 

Jede nimmt sexualisierte Gewalt unterschiedlich wahr und jede wehrt sich auf ihre eigene Weise. Sie können im Gespräch dabei helfen, mit dem Mädchen oder der Frau nach ihren eigenen Lösungen zu suchen. Unterstützen Sie die Mädchen und Frauen, ihre Gefühle und Grenzen wahrzunehmen.

Das ist zu beachten:

  • versuchen Sie, Ruhe zu bewahren
  • überstürztes Handeln kann oft mehr schaden als nutzen
  • bleiben Sie nicht allein mit dem, was Sie erfahren haben und holen Sie sich Unterstützung
  • sagen Sie dem Mädchen oder der Frau vorher, was Sie unternehmen und mit wem Sie sprechen werden
  • besprechen Sie das weitere Vorgehen mit einer Vertrauensperson, einer KollegIn und mit Ihrem oder Ihrer Vorgesetzten
  • holen Sie sich Hilfe bei einer Beratungsstelle - dies ist auch anonym möglich

Präventionsangebote zum Thema sexualisierte Gewalt an Mädchen und Frauen mit geistiger Behinderung

Wildwasser Würzburg e. V. bietet ein umfangreiches Fortbildungscurriculum an, das speziell für den Einsatz in Schulen, Heimen oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung entwickelt wurde.

 

Dieses beinhaltet folgende Ebenen:

1. Zusammenarbeit mit der Leitung der Institution

 

2. Informationen für Fachkräfte / Multiplikatorinnen in der Einrichtung

 

Die Vermittlung von Wissen über Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs, mögliche TäterInnen, mögliche Signale betroffener Mädchen oder Frauen, sinnvolle Interventionen und Hilfsmöglichkeiten, Kenntnisse über unterstützende Einrichtungen und rechtliche Aspekte stehen im Mittelpunkt.

 

Die Fachkräfte in Einrichtungen sind aufgrund der eingeschränkten selbständigen Lebensführung für Menschen mit geistiger Behinderung oft neben den Eltern die einzigen Bezugspersonen, denen Mädchen und Frauen sich bei Gewalterfahrung anvertrauen können und gehören daher zu einer der wichtigsten Zielgruppen für de präventive Arbeit gegen sexualisierte Gewalt an Menschen mit Behinderung.

 

3. Elternabende / Beratung von Bezugspersonen

 

Eltern und Bezugspersonen sollen Wissen über verschiedene Aspekte des Themas sexueller Missbrauch erhalten und für mögliche Signale von betroffenen Mädchen und Frauen sensibilisiert werden.

 

Die Einbeziehung der Eltern und Bezugspersonen erfolgt nach Absprache mit den in der Gruppe beteiligten Mädchen oder Frauen.

 

Nach Absprache finden zusätzliche Informationsgespräche oder persönliche Beratungen nach Bedarf statt.

 

4. Umsetzung von Präventionsinhalte in mehreren Gruppeneinheiten für Mädchen / Frauen mit geistiger Behinderung und Lernschwierigkeiten zu dem Thema sexualisierte Gewalt 

 

Ziele sind die Stärkung der Selbstwahrnehmung, der Unterscheidung von angenehmen und unangenehmen Gefühlen, die Erlaubnis, Nein zu sagen und sich wehren zu dürfen, Übungen zur praktischen Umsetzung. Es werden Fragen im Zusammenhang mit Sexualität und sexualisierter Gewalt thematisiert und bearbeitet. Besonderer Wert wird auf die Erfahrbarkeit der eigenen Grenzen und deren Einhaltung gelegt.

 

Die Fortbildungsangebote können auch unabhängig voneinander in Anspruch genommen werden. Die Gruppen für Mädchen / Frauen können nur in Verbindung mit dem gesamten Angebot durchgeführt werden.

 

Zu den anfallenden Kosten, Dauer und Umfang der Angebote nehmen Sie bitte Kontakt mit der Beratungsstelle auf.