Wie Gewalt sich zeigt

Das Grundgesetz formuliert das Recht auf Menschenwürde, körperliche Unversehrtheit, Gewaltfreiheit und Sicherheit. 
Viele Mädchen und Frauen müssen im Laufe ihres Lebens schwere Verstöße gegen diese Grundrechte erleben.

 

  • Wir sprechen von sexualisierter Gewalt, wenn eine Person eine andere zur Beteiligung an sexuellen Handlungen zwingt, zu denen die andere Person nicht frei und informiert zustimmen kann.
    Dies können Berührungen am Körper sein, Vergewaltigung oder sexueller Missbrauch.
  • Körperliche Gewalt zeigt sich in Form von Misshandlungen, körperlicher Vernachlässigung, Freiheitsberaubung oder Folter.
  • Unter seelischer Gewalt verstehen wir Demütigungen, „Psychoterror“, Nachstellungen und emotionale Vernachlässigung.
  • Unter wirtschaftlicher Gewalt verstehen wir etwa das Verbot, arbeiten zu gehen und/ oder den Entzug von Geld, also der ökonomischen Ressourcen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.
  • Strukturelle Gewalt ist dann möglich, wenn sich gesellschaftlich ungleiche Machtverhältnisse etabliert haben. Strukturelle Ungleichheit sehen wir in der ungleichen Verteilung zwischen den Geschlechtern von gesellschaftlich bedeutsamen Machtpositionen wie zum Beispiel in den Bereichen der Wirtschaft und Politik. Die Gewaltausübung liegt im System verankert, ohne dass von einer Person direkt Macht missbraucht wird.

 

Wenn Gewalt ausgeübt wird, besteht in der Regel ein Machtgefälle zwischen „Opfer“ und „Täter“. 
Mehr Macht als andere haben in unserer Gesellschaft unter anderem Erwachsene gegenüber Kindern, Männer gegenüber Frauen, Menschen ohne Behinderung gegenüber Menschen mit Behinderung, deutsche Staatsbürger gegenüber MigrantInnen.

Wer Macht hat, kann diese sinnvoll einsetzen oder missbrauchen.
Je größer die Abhängigkeit ist, z.B. bei kleinen Kindern, desto größer ist das Ausgeliefert sein der Schwächeren, aber auch die Verantwortung der Mächtigeren.
Gewalt „geschieht“ nicht einfach. Sie wird ausgeübt in einer Gesellschaft, in der Mädchen und junge Frauen in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit anzüglichen Blicken und Bemerkungen von Männern ausgesetzt sind, durch die sie auf ihren Körper reduziert und zum Objekt herabgewürdigt werden.
Über die Jahrhunderte hinweg sind Frauen und Mädchen als weniger wert betrachtet worden. So war es in Deutschland vor 100 Jahren Frauen noch verwehrt, Volksvertreter zu wählen. Dieses Recht erhielten sie erst 1919. In der Familie gilt für Ehemänner in dieser Zeit das Recht, Frauen und Kinder zu züchtigen. Die Vergewaltigung in der Ehe ist ein Straftatbestand, der erst im Jahr 1997 gültig und damit strafbar wird.

Die Macht- , bzw. Ohnmachtsverhältnisse im 21. Jahrhundert zeigen sich beispielhaft deutlich in der Vermarktung von Frauen. Diese beginnt in der Werbung und endet in der brutalen weltweiten Versklavung der Frauen durch Pornoindustrie und Zuhälterei.
Im folgenden benennen wir beispielhaft einige Gewaltformen näher, die Frauen, Mädchen und Kinder erleben müssen:

Sexueller Missbrauch ...
... findet dann statt, wenn ein Erwachsener oder älterer Jugendlicher mit einem Kind oder einem Menschen, der auf die Hilfe anderer angewiesen ist, sexuelle Handlungen ausführt bzw. erzwingt, um die eigenen Bedürfnisse nach Macht und Überlegenheit zu befriedigen.
Mädchen und Buben brauchen Liebe, Fürsorge und Schutz durch Erwachsene. Sie vertrauen ihnen und sind auf sie angewiesen. Ein Täter oder eine Täterin missbraucht diese Abhängigkeit, wenn er oder sie ein Mädchen oder einen Jungen zu sexuellen Handlungen überredet oder zwingt.
Durch die Verpflichtung zur Geheimhaltung ist das Kind oder die abhängige Person zur Sprachlosigkeit, Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit verurteilt. 
Sexueller Missbrauch wird von dem missbrauchenden Erwachsenen geplant, ist meist eine Wiederholungstat und findet in allen sozialen Schichten statt. 
Mädchen und Buben jeden Alters können betroffen sein, erfahrungsgemäß kommt die missbrauchende Person aus ihrem nahen Umfeld, oft aus der eigenen Familie.
Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung sind u.a. aufgrund erhöhter Wehrlosigkeit und Abhängigkeit von ihren Betreuungspersonen besonders gefährdet. Sexueller Missbrauch findet nicht nur in Familien, sondern auch in Einrichtungen der Jugend- und Behindertenhilfe statt.

 

 

Rituelle Gewalt
Wenn organisierte Täterkreise an mehreren Menschen ritualisierte Missbrauchs-handlungen bis hin zu schweren Folterungen verüben, sprechen wir von rituellem Missbrauch. 
Die Opfer sind Mädchen und Jungen, Jugendliche und Erwachsene, die sexueller, körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt sind. Diese wird planmäßig und zielgerichtet in Form eines Rituals ausgeübt.
Das Ritual kann einen ideologischen Hintergrund haben oder auch nur eine Maßnahme zur Einschüchterung und Täuschung sein. Dies betrifft ebenso die Handlungen, die ausgeübt werden.
Oft sind rituelle Missbrauchhandlungen keine einzelnen Handlungen sondern Folterungen, die über einen längeren Zeitraum ausgeübt werden.
Die rituellen Handlungen haben dabei das Ziel der Verwirrung, Einschüchterung, Angstbereitung und Traumatisierung der Opfer. Durch sie beabsichtigen die Täter, die Wehrlosigkeit, Unglaubwürdigkeit und Verfügbarkeit der Opfer zu erhöhen.

 

 

Körperliche Gewalt und Vernachlässigung
Mädchen und Jungen erleben körperliche Gewalt und Vernachlässigung oft durch Erziehungsberechtigte. Vernachlässigung kann bereits für sehr kleine Kinder bedeuten, dass sie nicht ausreichend mit Nahrung versorgt oder nicht gesäubert werden, dass sie kaum Zuwendung erfahren, sich selbst überlassen werden oder nicht kindgerecht mit ihnen umgegangen wird.
Körperliche Gewalt reicht von Schlägen auf das Gesäß oder ins Gesicht bis hin zu körperlichen Misshandlungen, die Knochenbrüche, Verbrennungen oder andere schwere Verletzungen zur Folge haben.
Obwohl diese Formen der Gewalt im Umfeld, also in Schule und Kindergarten, in der Nachbarschaft oder im Bekanntenkreis wahrnehmbar sind, bleiben Kinder oft ihren Erziehungsberechtigten ausgeliefert. Vor allem die Eltern, die ihre Kinder schwer misshandeln, sind nicht bereit, sich außerhalb Unterstützung zu holen.

 

 

Seelische Gewalt
Unter seelischer Gewalt verstehen wir z. B. fortwährende Demütigungen oder Abwertungen wie „Du fette Sau“, „Du bist doch nur blöd“, „wärst du nur nie geboren“ sowie emotionale Vernachlässigung und mangelnde soziale Versorgung.

Mädchen und Frauen erleiden seelische Gewalt oft in sexualisierter Form: „Du Schlampe“ oder „die hat wohl lange keinen mehr im Bett gehabt“ sind Sätze, die zudem ihre Weiblichkeit verletzen.

Seelische Gewalt zeigt sich in Worten, kann aber auch auf andere Weise ausgeübt werden: Das Lieblingsspielzeug wird „zur Strafe“ verbrannt, ein Kind wird zur Strafe in den Keller gesperrt. Frauen erleben Druck, Zwang sowie Androhungen von körperlicher Gewalt.

Kinder, die in einer Umgebung aufwachsen, in der sie Tag für Tag solche und ähnliche verachtende Botschaften hören, haben es äußerst schwer, ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen, da sie dazu gebracht werden, selbst daran glauben, dass sie wertlos sind.
Frauen, die seelischer Gewalt ausgesetzt sind, erleben in ähnlicher Weise die Herabwürdigung ihres Selbstwertes. Sie haben es aufgrund der empfundenen Wertlosigkeit besonders schwer, sich zu wehren oder sich Hilfe zu holen.
Eine weitere Form der seelischen Gewalt ist das sogenannte Stalking. Gemeint ist damit Terror über Telefon, SMS oder durch Auflauern und Nachstellungen.

 

 

Sexualisierte Gewalt gegen Jugendliche und Frauen
Sexualisierte Gewalt gegen Jugendliche und Frauen kann von verschiedenen Tätern ausgeübt werden: im nahen Familienkreis, durch einen Kollegen, den Therapeuten, durch einen Trainer im Sportverein oder durch vorher nicht bekannte Täter außerhalb der „sicheren“ häuslichen oder privaten Sphäre.
Sie beginnt bei anzüglichen Bemerkungen, „zufälligem“ Begrapschen oder sexueller Belästigung am Telefon bis hin zu sexueller Nötigung und Vergewaltigung.
Die Folgen sind in der Regel drastisch: Jugendliche und Frauen sind zutiefst erschüttert und haben das Empfinden,‚den Boden unter den Füßen´ zu verlieren. Sie haben keinen Halt mehr.
Oft verlieren sie durch die Gewalterfahrung den Schutz ihrer Privatsphäre, insbesondere wenn die Gewalt in ihrem eigenen Räumlichkeiten stattgefunden hat. Das eigene Zu Hause wird als nicht mehr als sicher erlebt.
Die innere Erschütterung betrifft ein verletztes Erleben von innerer Sicherheit. Opfer von sexualisierter Gewalt benötigen oft lange Zeit, bis sie wieder ein Gefühl für Geschützt Sein entwickeln können.
Entgegen der landläufigen Annahme, dass Gefahr für Frauen im Park oder auf der nächtlichen Straße durch Fremde droht, sind auch hier die Täter am häufigsten Männer, die die Frauen gekannt und denen sie vertraut haben - oder von denen sie mittels ihrer Machtstellung erpresst wurden.

 

 

Gewalt im Internet
Medien sind auch in früheren Jahren genutzt worden, um pornografisches Material und die Darstellung von sexualisierter Folter zu verbreiten, das der Vermarktung von sexualisierter Gewalt an Mädchen und Frauen dient. 
Bei den Nutzern entsteht ein entsprechendes Bild der Verfügbarkeit von Frauen. Muster aus Gewalt – Pornografie werden übernommen und übertragen auf die eigene Sexualität bzw. auf die Opfer der eigenen Machtfantasien.

Durch die Anonymität des Internets ist es für Sexualstraftäter noch leichter, sich zu vernetzen, Opfer zu suchen sowie mit kinderpornografischem Material und Folterungen weltweit gewinnbringende Geschäfte zu machen.
Mädchen, die im Chat Kontakte aufnehmen, erhalten rasch - zunächst verdeckte oder sofort eindeutige - sexuelle Angebote von Tätern. Manche Mädchen werden mit pornografischem Material konfrontiert, aufgefordert, eigene Aufnahmen ins Internet zu stellen oder sich mit der erwachsenen Person zu verabreden. Treffen dieser Art führen oft in Gewalthandlungen, in denen Mädchen schutzlos ausgeliefert sind, zumal wenn sie ein solches Treffen vor den Eltern geheim halten oder in eine für sie völlig unbekannten Umgebung gelockt werden.

Ausblick

Unsere Vision ist die einer Welt, in der alle Menschen gewaltfrei, würdig und sicher leben können, in der Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, Menschen aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichen Befähigungen respektvoll miteinander umgehen.

 

Dass wir diese Vision nicht so schnell verwirklichen können wie wir möchten, sollte uns nicht davon abhalten, auf diese hin zu arbeiten.

 

Sie können sich für den Schutz von Mädchen und Frauen einsetzen indem Sie

  • gegen frauenverachtende Darstellungen in den Medien eintreten
  • wach sind im Alltag für Grenzüberschreitungen gegenüber Mädchen und Frauen
  • finanzielle Ressourcen für Prävention und zur angemessenen Unterstützung Betroffener bereit stellen
  • achtsam sind im Umgang mit den weniger Mächtigen in der Gesellschaft
  • Äußerungen über Gewalterfahrungen von Ihnen anvertrauten Kindern ernst nehmen
  • hinschauen und umsichtig handeln, wenn Sie von Gewalt an Kindern oder Frauen wissen
  • ...

 

Jede und jeder, die uns darin und in unserer Arbeit unterstützt, trägt dazu bei, eine Zukunft zu gestalten, in der Mädchen lebenslustig, unbefangen und anmutig aufwachsen können und zu selbstbewussten, mutigen und verantwortungsvollen Frauen werden.