Rückschau zum interdisziplinären Fachtag am 21.10.2022

Am 21.10.22 fand im Matthias Ehrenfried-Haus der interdisziplinäre Fachtag Komplexe Gewalterfahrungen – Was brauchen Betroffene statt, den Wildwasser Würzburg e.V. im Rahmen des Bundesinnovationsprojektes veranstaltete. Die Teilnehmer*innen kamen aus den unterschiedlichsten beruflichen Kontexten sowie aus ganz Deutschlands angereist.

Begonnen wurde der Fachtag mit Begrüßungsworten von Bundesministerin Frau Lisa Paus. Darin hob sie besonders die Arbeit der Fachkräfte, die mit komplex traumatisierten Betroffenen arbeiten, hervor: „(…) auch Fachkräfte im Hilfesystem fühlen sich manchmal überfordert, allein gelassen und hilflos, wenn sie mit dem schieren Ausmaß der Gewalt konfrontiert werden. Ich möchte ihnen an dieser Stelle meinen tiefen Respekt aussprechen und ihnen danken. Sie reichen den Überlebenden bei jedem Schritt die Hand und sie unterstützen dabei, das Erlebte zu verarbeiten. Bei der Frage, was Betroffene von komplexen Gewalterfahrungen benötigen, steht eins ganz vorne: gut ausgebildete und handlungssichere Fachkräfte.“

Mit den Worten „Ein herzlicher Dank gilt allen Beteiligten aus dem Projektteam von Wildwasser Würzburg. Danke für Ihre hoch motivierte Arbeit in der Beratung, in der Weiterbildung der Fachkräfte und beim Aufbau von Kooperationsstrukturen. Davon werden viele Betroffene und Fachkräfte profitieren.“ würdigte sie die Arbeit von Wildwasser Würzburg e.V. und dankte allen Beteiligten.

Danach startete der erste Vortrag. Frau Dr. Susanne Nick stellte in ihrem Vortrag „Organisierte sexualisierte Gewalt und Ausbeutung – Ergebnisse aus zwei Onlinestudien zu den Erfahrungen von Betroffenen und psychosozialen Fachpersonen“ ihre Ergebnisse und Erfahrungen vor. Die Studie behandelt den Kontext der Gewalt, die Folgen für die Betroffenen und die Inanspruchnahme der Regelversorgung. Außerdem wurden in der Studie die Herausforderungen und Ressourcen der Betroffenen aus Sicht des interdisziplinären Fachpersonals beleuchtet. Während ihres Vortrags ging Frau Dr. Nick auch auf die Änderungen ein, die mit dem ICD-11 einhergehen werden. Durch das ICD-11 soll die Diagnostik von schweren Traumfolgen verbessert werden und die Möglichkeit entstehen, früher spezifischere Behandlungen durchzuführen.

Nach diesem ersten großartigen Vortrag hatten die Teilnehmende während einer Kaffeepause die Möglichkeit sich über das Gehörte auszutauschen.

Weiter ging es mit dem Online-Vortrag von Frau Luise Reddemann, die in ihrem Vortrag „52 Jahre psychotherapeutische Arbeit, eine Bilanz“ auf die Entwicklung ihrer Arbeitsweisen einging. Zu Beginn der Arbeit von Frau Reddemann wurden Frauen, die die Fachwelt heute als traumatisiert einordnen würden, der Hysterie bezichtigt. Sexuellen Missbrauch gab es in den Köpfen vieler einfach nicht. Frau Reddemann setzte sich über Jahrzehnte in ihrer Arbeit für eine professionelle Behandlung von traumatisierten Frauen ein. Sie betonte während ihres Vortrags, wie wichtig es sei, in eine Zusammenarbeit mit den Klient*innen zu gehen und auf das zu hören, was diese einem zurückmelden. „Die Klient*innen sind die Fachmenschen für sich selbst.

Der dritte Vortrag wurde von Frau Christina Fischer gehalten. Frau Fischer leitet eine Gruppe für komplex traumatisierte Menschen und gibt Einblick in dissoziatives Erleben aus Betroffenensicht. In ihrem Vortrag ermöglicht sie den teilnehmenden Fachkräften einen Perspektivwechsel. Sie schafft es dem Publikum deutlich zu machen, wie schwierig es für komplex traumatisierte Menschen sein kann: „alles zersplittert und fällt auseinander, Kontakt geht verloren, Zeit verdreht sich, Erinnerungen an vergangene Stunden oder Tage fehlen, mitten in der Bewegung ist keine Bewegung mehr möglich“. Frau Fischer erinnert die Teilnehmenden daran, wie wichtig es für Betroffenen ist, Grenzen zu spüren und mit Therapeut*innen zu arbeiten, die ihre Grenzen halten können. Dadurch entsteht Klarheit und Authentizität. Dies lege die Grundlage für einen guten Therapieprozess. Die Teilnehmenden hörten Frau Fischer ganz gebannt zu und es gab großen Applaus.

Nach diesen drei fantastischen Vorträgen gab es eine Mittagspause, in der das Gehörte, verarbeitet werden konnte. Nach dieser Pause fanden die Teilnehmenden sich in verschiedenen Workshops zusammen. Dabei hatten sie die Auswahl zwischen:

Workshop 1: „Imagination als heilsame Kraft“ – Luise Reddemann

Workshop 2: „Zurück in die Gegenwart“ – Christina Fischer

Workshop 3: „Ambulante Psychotherapie nach schweren Gewalterfahrungen“ – Gisela Höhl

Workshop 4: „Möglichkeiten und Grenzen beim Schutz von Opfern mit komplexer Gewalterfahrung im Strafverfahren“ – Kirsten Böök

Workshop 5: „Organisierte und rituelle Gewalt – Unterstützung für Betroffene“ – Claudia Igney

Workshop 6: „Klinische Traumatherapie – die Anwendung eines inneren Anteile-Modells“ – Sigrid Patzak

Workshop 7: „Ambulant betreutes Wohnen mit komplex traumatisierten Frauen“ – Isabel Seutter

Nach den gelungenen Workshops wurde der Fachtag durch eine kurze Abschlussrunde auf dem Podium beendet.

Wir danken erneut allen Beteiligten für ihr Mitwirken an diesem tollen Tag.



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