Fachtag „Rituelle Gewalt“ am 4. November 2021

Hier finden Sie weitere Informationen zum Fachtag, zu den Fachvorträgen sowie zu den Referentinnen.

Am Fachtag möchten wir Ihnen zunächst einen fachlich fundierten Einblick zum Thema Rituelle Gewalt geben. Danach wird eine Betroffene von ihren Erfahrungen berichten. Wir möchten Sie einladen und ermutigen, sich den überlebenden Mädchen und Frauen zuzuwenden, ihnen zuzuhören und sie dabei zu unterstützen, ihre erschreckenden Erlebnisse zu überwinden und einen Weg aus der Gewalt in ein lebenswertes Leben zu finden.

Der Fachtag ist als interdisziplinäre Veranstaltung geplant, weil die Betroffenen in verschiedenen Bereichen Unterstützung und auch die Fachleute Austausch und Vernetzung brauchen – und weil eine gesamtgesellschaftliche Verantwortungsübernahme notwendig ist.

Die Veranstaltung findet im Rahmen des Bundesinnovationsprogramms für das Projekt „Hilfen für Frauen und Mädchen mit komplexen Gewalterfahrungen“ statt: www.gemeinsam-gegen-gewalt-an-frauen.de.
In diesem Rahmen plant Wildwasser Würzburg e.V. auch für 2022 weitere Fortbildungen zum Thema.

Informationen zu den Fachvorträgen

Vortrag „Was wir wissen über Rituelle Gewalt“

Die Faktenbasis über Rituelle Gewalt ist immer noch spärlich, aber es gibt sie. Viele Gerichtsurteile weltweit belegen, wie sexualisierte Gewalt in organisierter, religiös oder ideologisch aufgeladener Form ausgeübt wird. Der Vortrag spannt einen Bogen über den gesellschaftlichen Erkenntnisprozess der vergangenen 30 Jahre, fasst das Faktenwissen zusammen und zeigt auf, was zu tun ist.

Die Referentin Claudia Fischer ist freie Journalistin für Radio, Fernsehen, Print und Online und spezialisiert auf Themen, die mit Gewalt und Trauma zu tun haben. Als Diplom-Medienpädagogin schult sie auch Journalistinnen und Journalisten in sensibler Berichterstattung und Selbstschutz bei belastenden Themen.

Vortrag „Wie viel Selbst, kann trotz extremster Gewalterfahrung, aus vielen Ichs entstehen“

Kinder, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, sind meist schon frühester Kindheit an, der Verfügungsgewalt der Täter*innen ausgesetzt. Sie werden oft Jahre lang gequält, misshandelt und sexuell missbraucht. Funktionalität, absoluter Gehorsam und totale Geheimhaltung werden durch die Täter*innen erzwungen. Kinder, die organisierte sexualisierte rituelle Gewalt erlebt haben entwickeln häufig eine Dissoziative Identitätsstruktur mit unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen, häufig wird eine solche absichtlich von Täter*innen erzeugt.  Als Betroffene organisierter sexualisierter ritueller Gewalt hat sich meine Persönlichkeit in viele unterschiedliche Persönlichkeitsanteile aufgeteilt. In Jahre langer Therapie ist es mir gelungen mit meinen vielen Ichs ein Co Bewusstsein zu entwickeln so das ein Selbst entstehen kann. Ich möchte Ihnen aufzeigen was es bedeutet in solchen Strukturen aufzuwachsen und ich möchte Ihnen aufzeigen wie viel Selbst trotz extremster Gewalterfahrung entstehen kann. Wie man ein würdevolles, selbstbestimmtes Leben mit viel Liebe, Licht und Freude leben kann. Was möglich ist und welche Probleme und Schwierigkeiten bleiben.

Die Referentin Sabine Weber *1967 HP (Psych), Traumafachberaterin (DeGPT), Sozialpädagogin (BA.), gründete 2012 die Ausstiegsbegleitung- und Beratung im Trauma-Hilfe- Zentrum e.V. München. Seit 2014 gibt sie Seminare und hält Vorträge zum Thema Organisierte und Rituelle Gewalt. 2019 war sie Mitveranstalterin des 1. Münchner Fachtags „Einstieg in den Ausstieg“, 2019 eröffnete sie ein „Auszeithaus“ für Betroffene von Ritueller Gewalt. Seit 2019 ist sie Mitarbeiterin beim berta-Hilfetelefon.

Vortrag Hilfe-Telefon berta „Wer hilft jemandem wie uns – und wen interessiert das überhaupt?“

In der gesellschaftlichen und politischen Debatte um sexuellen Kindesmissbrauch ist organisierter sexualisierter und ritueller Missbrauch (ORG) bisher selten ein Thema. Die Fälle aus Bergisch-Gladbach, Münster und Lügde haben das geändert. In der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2019 ist ein Anstieg von 65% bei Herstellung, Besitz, Erwerb und Verbreitung von sog. kinderpornographischem Material im Vergleich zum Vorjahr zu erkennen. Laut Bundeskriminalamt wurden im Jahr 2019 etwa 12.300 Fälle gemeldet.

Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher ausfallen, wie das relativ hohe Anrufaufkommen im ersten Jahr des Hilfe-Telefon berta, eine 2019 vom UBSKM finanzierte und eingerichtete Anlaufstelle für Betroffene von ORG, aufzeigt. Innerhalb etwa eines Jahres gab es 4.139 Anrufversuche, aus denen 1.305 dokumentierte Gespräche hervorgingen. Ein Vergleich der Daten mit denen des Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch zeigt, dass die Inanspruchnahmepopulation des Hilfe-Telefon berta jünger ist und zu einem größeren Anteil weiblich. Anliegen der Anrufenden sind die Suche nach Entlastung (564; 43,2%) oder Informationen (434; 33,3%), die eigene Fallschilderung (299; 22,9%) sowie der Wunsch nach Ausstiegsberatung/-begleitung (233; 17,9%). Qualitative Auswertungen der genannten Ausstiegshindernisse ergaben Täter:innenmerkmale (gute Vernetzung, hohe gesellschaftliche Stellung) sowie Aspekte der Betroffenen (Angst vor Anzweifeln der eigenen Glaubwürdigkeit, finanzielle und emotionale Abhängigkeit von den Täter:innen).

Ein verbreitetes Problem für Betroffene ist die fehlende Unterstützung vor Ort, da es zu wenig psychosoziale Fachkräfte und Psychotherapeut:innen gibt, die sich mit der spezifischen Thematik auseinandersetzen können oder möchten. Zudem berichten Betroffene, dass sie bei Behörden etwa nicht ernst genommen und ihnen nicht geglaubt wird. Auch wird beschrieben, dass es zu wenig Unterstützung beim Ausstieg aus dem Missbrauchssystem gibt.

Jelena Gerke, M. Sc. Psychologin, ist seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/ Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Sie arbeitet in den Begleitforschungsprojekten zum Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch und Hilfe-Telefon berta des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) und promoviert zum Thema Frauen als Täterinnen von sexuellem Kindesmissbrauch.

Informationen zur Anmeldung


Anmeldeschluss: 15.10.2021
Die Teilnehmerzahl ist begrenzt und richtet sich nach dem Anmeldeeingang.
Fortbildungspunkte sind bei den Kammern beantragt. Es wird eine Teilnahmebescheinigung erstellt.

Hygiene:
Der Fachtag ist als Präsenzveranstaltung mit einem Hygienekonzept vorgesehen, angepasst an die dann gültigen Bestimmungen.

Teilnahmegebühr: 30 Euro